Gemeinschaftlich-kooperative Wohnbauprojekte als Experimentierfelder für zukünftige urbane Lebensweisen?

Seit den späten 1980er Jahren zeichnet sich in Zentral- und Westeuropa eine Revitalisierung gemeinschaftlich-kooperativer Ideale und Praktiken im Wohnungsbau ab. Einerseits planen etablierte genossenschaftliche Wohnbauträgerschaften, die sich über Jahre vor allem dem Bestandserhalt gewidmet haben, wieder neue Wohnhäuser und Siedlungen. Andererseits beginnen zunehmend auch neu gegründete Trägerschaften Wohnbauprojekte umzusetzen und experimentieren dabei mit gemeinschaftlicheren Wohnformen und alternativen Formen des Zusammenlebens in Nachbarschaften. In der Schweiz knüpfen viele von ihnen an die traditionsreiche Rechts- und Organisationsform der Genossenschaft an und experimentieren mit genossenschaftlichen Idealen wie der Selbsthilfe, demokratischer Entscheidungsfindung, Partizipation und Solidarität.

Den neugegründeten Wohnbauträger, oder vielmehr ihren Wohnbauprojekten wird von in den Medien und der Wissenschaft viel Aufmerksamkeit geschenkt. Im Fokus stehen dabei häufig die architektonische Gestaltung der Bauobjekte, eine Architektur der Gemeinschaft, die zugleich dem Wunsch nach Privatsphäre und Gemeinschaftlichkeit gerecht werden soll, oder nachhaltigen Lebensführungspraktiken im Alltag gemeinschaftlicher bzw. genossenschaftlicher Siedlungen. Die Organisationsweisen und den Planungs- und Entwicklungsprozesse der neuen Wohnbauträgerschaften und ihrer Wohnbauprojekte wird hingegen bislang fast ebenso wenig beachtet, wie den Fragen danach, was genau unter gemeinschaftlich-kooperativer Praxis zu verstehen ist; woran sie anknüpft und wovon sie abzugrenzen ist; wie die gemeinschaftlich-kooperative Praxis, die Projekte oder insgesamt die Renaissance der Genossenschaftsbewegung hervorgebracht werden und worin ihre Chancen und Möglichkeiten aber auch ihre Begrenzungen für zukünftige urbane Lebensformen liegen.

Mit einem ethnographischen Zugang untersuche ich Projekte, die im Entstehen begriffen sind und frage danach, weshalb und wie neugegründete Wohnbaugenossenschaften und «neue» Wohnformen überhaupt entstehen; was gemeinschaftlich-kooperative Praxis bei dieser jüngsten Generation von Projekten und Trägerschaften bedeutet; was es mit Gemeinschaftlichkeit und Kooperation auf sich hat; wie sie aus- und verhandelt, oder eben hervorgebracht wird, woran sie anknüpfen bzw. wie «neu» diese Wohnformen überhaupt sind.

Das Dissertationsprojekt ist Teil des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts «Transformative Gemeinschaften als innovative Lebensformen?» und bewegt sich an den Schnittstellen zwischen Wohn- und Stadtforschung, Organisationssoziologie und Genossenschaftsforschung.

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