Transformative Gemeinschaften – soziale Innovationen – Lebensformen

Insbesondere im Nachgang der 1968er Bewegung gab es in der Diskussion um (Post-) Wachstumsgesellschaften eine ganze Fülle von Initiativen und Bewegungen, die versuchten und immer noch versuchen, alternative Lebensweisen jenseits der kapitalistischen Marktwirtschaft zu etablieren (Wetzel 2016). Um gemeinschaftlich-kooperative Wohn- und Landwirtschaftspraktiken als Möglichkeitsräume sozialer Innovation verstehbar zu machen, werden in diesem sozialtheoretisch angelegten Teilprojekt konzeptionelle Überlegungen entwickelt, welche explizit die Erkenntnisse aus der Untersuchung der alternativen Gruppen einbeziehen. Die im Kern kooperativen Lebensformen wurden zu Beginn des Projekts in den Kontext der Gemeinschaftsdiskussion gerückt. Die Suche nach Alternativen macht diese Lebensformen nicht nur aus einer soziologischen, sondern auch aus einer Perspektive des sozialen Wandels zu wichtigen Untersuchungsgegenständen. Dabei stehen u.a. Fragen nach den Bedingungen einer erfolgreichen Diffusion und einer historisch-vergleichenden Einordnung der Gruppen im Zentrum des Forschungsinteresses.

Konkret befasst sich das Teilprojekt „Theorie“ mit einer konzeptionellen Verknüpfung und Integration theoretischer Reflexionen mit den Erträgen aus den beiden empirischen Projekten (Wohnen und Landwirtschaft).

  • Die bislang gewonnenen empirischen Ergebnisse machen eine Erweiterung der entwickelten Perspektive „Transformativer Gemeinschaften“ auf die untersuchten Gruppen aus dem Bereich Wohnen und Landwirtschaft notwendig. Hierzu werden aktuell vor allem praxeologische, organisations- und netzwerksoziologische Studien erforscht. Untersucht wird u.a., inwiefern die Initiativen angemessener als „netzwerkförmige Gebilde“ (Stegbauer 2008), als „heterogene Kollaborationen“ (Reckwitz 2017) oder auch als „Produktionsgemeinschaften“ (Gläser 2006) analysiert und beschrieben werden können.
  • Der in der Sozialphilosophie diskutierte Begriff der Lebensformen wurde im Projektkontext bislang vor allem an die „Kritik von Lebensformen“ (2014) von Rahel Jaeggi angelehnt. Eine häufig damit einhergehende normative Aufladung des Konzepts sieht unser TGIL-Projekt inzwischen kritisch. Daraus entsteht die Notwendigkeit, alternative Ansätze für die eigene konzeptionelle Arbeit fruchtbar zu machen. Um dies leisten zu können, wird auf Arbeiten fokussiert, die Fragen der Lebensformen auf Fragen der Lebensführung und der Lebensweisen ausdehnen (vgl. Fassin 2017).
  • Obwohl sich der Begriff der sozialen Innovationen im Projektkontext bereits in der Verzahnung von Theorie und Empirie bewährt hat (vgl. dazu Wetzel/Frischknecht 2018), sind gerade auch in diesem Bereich weitere Forschungen notwendig. Der Fokus auf die internationale Debatte zu sozialen Innovationen und zum Innovationsbegriff insgesamt verspricht hier neue Impulse. Beabsichtigt ist, sowohl eine Schärfung als auch eine Relativierung des Begriffs sozialer Innovationen und dessen Anwendung im Projektkontext zu erreichen.

 

Literatur:

Gläser, Jochen (2006): Wissenschaftliche Produktionsgemeinschaften. Die soziale Ordnung der Forschung. Frankfurt/New York: Campus.

Fassin, Didier (2017): Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung. Berlin: Suhrkamp.

Jaeggi, Rahel (2014): Kritik von Lebensformen. Berlin: Suhrkamp.

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp.

Stegbauer, Werner (2008) (Hg): Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden: Springer VS.

Wetzel, Dietmar J. (2016): Two Examples of Recent Aesthetico-Political Forms of Community: Occupy and Sharing Economy, in: Claviez, Thomas (ed.), The Common Growl, New York: Fordham University Press 2016, 159-173.

Wetzel, Dietmar J. und Sanna Frischknecht (2018): Wohnen als soziale Innovationen deuten? Gemeinschaftlich-kooperative Wohnformen in der Deutschschweiz, in: Franz, Hans-Werner, und Christoph Kaletka (Hg), Soziale Innovationen lokal gestalten. Band 1 der Reihe Sozialwissenschaften und Berufspraxis, hrsg. vom BDS; Wiesbaden: Springer VS (i. D.)

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